Zu schnell und zu viel für die Bienen

26.04.2018

Zu schnell und zu viel für die Bienen

Die Vegetation befindet sich auf der Überholspur. Der zu kalte Februar und März und die sommerlichen Temperaturen der letzten Tage machen, dass alles auf einmal blüht. Bestäubung – ein Rennen gegen die Zeit.

Die Natur zeigt sich derzeit von ihrer prächtigsten Seite: Veilchen, Taubnesseln, Gänseblümchen, Löwenzahn, Wiesenschaumkraut, Butterblumen und viele mehr bringen Farbe in die Wiesen, und die Obstbäume hängen voller weisser und rosa Blüten. Mancherorts summen die Bienen und Insekten wie verrückt, anderorts sind nur ein paar wenige Hummeln zu sehen. Dort regt sich die leise Sorge, dass heuer die Blüten der Obstbäume zwar nicht erfrieren, dafür unbefruchtet verblühen.

Bienen hinken hinterher

Wie steht es aktuell um die Bienenpopulation? Gibt es weniger Bienen als in anderen Jahren? «Faktum ist: Bienenlarven schlüpfen nach 21 Tagen, ob schönes oder schlechtes Wetter herrscht», bemerkt dazu Jean-Daniel Charrière, Leiter des Zentrums für Bienenforschung bei Agroscope. So würden Honigbienen Mitte Februar mit dem Eierlegen beginnen, Mitte Mai erreiche die Brutzeit ihren Höhepunkt, und Anfang Juni, wenn sich die Bienenvölker in Schwärme teilen, seien die meisten Honigbienen unterwegs. Dagegen haben die sommerlichen Temperaturen der letzten Tage dafür gesorgt, dass die Vegetation einen plötzlichen Satz nach vorne gemacht hat. Was in den zu kalten Monaten Februar und März nicht geschehen ist, wurde durch das warme Wetter im April überkompensiert. So begann der Kirschbaum drei Tage später als im Mittel der letzten Jahre zu blühen, jetzt steht er dafür schon in Vollblüte. Dieser Umstand fällt mit der Tatsache zusammen, dass die Bienenpopulation noch nicht voll entwickelt ist.
Daten, dass es heuer weniger Bienen gibt als in anderen Jahren, liegen allerdings keine vor. Die Ergebnisse der Umfrage über die Winterverluste bei Honigbienen 2017/18 werden laut Charrière erst im Mai publiziert. Im Winter 2016/17 gingen im Kanton Freiburg knapp 30 Prozent der Bienenvölker ein. Gemäss Serge Jemmely, Präsident des Verbands Freiburgischer Bienenzüchter, dürfte der Verlust auch dieses Jahr bei rund 20 Prozent liegen. «Bis zu 10 Prozent Verlust sind normal. Aber auch 20 Prozent sind keine Katastrophe.» Die Imker berichteten ihm jedenfalls, dass die Kolonien da seien. «Ich mache mir keine Sorgen.» Dennoch hat auch Jemmely beobachtet, dass auf seinem Kirschbaum wenig Bienen herumfliegen. «Vielleicht ist es zu trocken, so dass die Obstbäume weniger Nektar haben.» Der Bienenzüchterpräsident betont aber auch, dass es für eine ordentlichen Obsternte nur wenig Bienen brauche. Das bestätigt Obstbauer Paul Wieland aus Salvenach. «Wenn von einem Obstbaum in voller Blüte 10 Prozent bestäubt sind, resultiert daraus ein guter Ertrag. Die Natur ist da sehr grosszügig.»

Überangebot an Nektar

Dass einige Obstbäume derzeit für Bienen möglicherweise aber weniger attraktiv sind als in anderen Jahren, könne damit zu tun haben, dass das Angebot zu gross sei. «Weil alles auf einmal blüht, suchen sich die Bienen die Blüten aus, die am meisten Nektar geben.» Raps beispielsweise ist
für Honigbienen attraktiver. «Ein Hektar Raps ergibt 300 Kilogramm Honig. Ein Hektar Kirschbäume 50 Kilogramm. Das macht den Unterschied deutlich.» Andererseits weist er auch darauf hin, dass Honigbienen, die einmal in einer Plantage seien, dort in der Regel blieben und die Baumreihen brav abarbeiteten. Anders die Hummeln, die sich leichter ablenken liessen.
In Sachen Überangebot weist Hanni Aegerter, Obstbäuerin aus Alterswil, darauf hin, dass allgemein geraten werde, den nektarreichen Löwenzahn unter den Obstbäumen wegzumähen. Das hat Aegerter zwar nicht gemacht. Wegen dem fehlenden Regen hat sie dafür begonnen, ihre Obstbäume zu bewässern. So würden die Früchte schön und gross. Ob die Trockenheit zu weniger Nektar bei den Obstbäumen führt, können weder Aegerter noch Wieland bestätigen. «Es ist möglich», meint Wieland.

Alle Bestäuber sind gefordert

Dass die derzeit grosse Blütenauswahl die Bienen von Pflanzen mit weniger Nektar fernhält, ist gemäss Christophe Praz, Spezialist für Wildbienen an der Universität Neuenburg, eher ein Problem der Honigbienen. «Das sind hochgradige Generalisten. » Mit anderen Worten: Sie sind nicht auf eine Pflanzenfamilie spezialisiert, wie das bei den meisten Wildbienen – eine Ausnahme ist die bereits erwähnte Hummel – der Fall ist. Wildbienen gehen also bei besserem Nektarangebot nicht eben mal fremd.
Praz konnte bei seiner täglichen Arbeit auf dem Feld jedenfalls nicht feststellen, dass derzeit auffallend wenig Wildbienen herumfliegen würden. «Aber das ist sehr schwer zu beurteilen. Zahlen dazu gibt es kaum.» Der Wissenschaftler weist dennoch darauf hin, wie wichtig für eine optimale Bestäubung die gesamte Gemeinschaft von Bestäubern ist. Praz koordiniert die Erstellung einer roten Liste der bedrohten Wildbienenarten im Auftrag des Bundes. «Von rund 615 Wildbienenarten in der Schweiz sind schätzungsweise 40 Prozent bedroht.» Hauptproblem sei die Blütenarmut. Dies allerdings vor allem im Hochsommer.

Regula Saner, Freiburger Nachrichten
www.freiburger-nachrichten.ch

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