Jürg Hess stellt sich vor

06.04.2020

Jürg Hess stellt sich vor

Am 3. April wurde Jürg Hess (55) zum Präsidenten des Schweizer Obstverbandes gewählt. Wir haben ihn auf seinem modernen Betrieb in Roggwil TG besucht. Sein Vater sowie sein Grossvater politisierten im Nationalrat. Warum sich Jürg Hess für den SOV anstelle der Politik entschieden hat, erfahren Sie hier.

Musstest du lange überlegen, bis du als Präsident zugesagt hast?

Aufgrund meines eigenen Betriebes und den zu erwartenden Aufgaben als Verbandspräsident habe ich schon nicht ganz so spontan zugesagt. Ich bin aber felsenfest überzeugt, dass wir einen starken, intakten und agilen Obstverband brauchen, der sich um all jene Anliegen kümmert, welche der einzelne Produzent nicht wahrnehmen kann.

Was zeichnet dich als Verbandspräsidenten besonders aus?

Ich bin ein Praktiker mit einem guten Bezug zur Basis. Zusätzlich bin ich in der Branche bekannt und gut vernetzt. 

Was ist typisch Jürg Hess?

Ich bin ein sehr geselliger, offener und loyaler Mensch. 

Du warst im Militär Offizier und leitest einen Obstbaubetrieb mit Mitarbeitern. Was ist dir wichtig als Chef?

(lacht) Mir sind Vertrauen und Zuverlässigkeit sehr wichtig. Ich mag Leute, die mitdenken und Entscheidungen tragen können. Ich schätze eine gewisse Geradlinigkeit, «Windfahnen» mag ich nicht.

Was willst mit dem Verband erreichen?

Ich erwarte, dass wir ein hohes Dienstleistungsbewusstsein entwickeln. Die Mitglieder müssen immer im Zentrum unserer Arbeit stehen. Denn nur so können sie sich mit uns identifizieren. Ein weiteres Ziel von mir ist, dass wir als kompetenter Ansprechpartner im Obstbau wahrgenommen werden. Sei dies zu agrarpolitischen oder produktionstechnischen Fragen wie Grenzöffnungen, Freihandelsabkommen, Pflanzenschutz und nicht zuletzt zur Anbautechnik. 

Welches sind für dich die grössten Herausforderungen?

Ein Verband kann nur bestehen, wenn sich seine Mitglieder einbringen und sich mit ihm identifizieren. Daher muss es uns gelingen, immer wieder Personen zu motivieren, in den verschiedenen Gremien mitzuwirken. 

Es ist ein grosses Ziel für mich, dass der Berufsnachwuchs gesichert wird. Dem Nachwuchs muss eine Perspektive aufgezeigt werden, damit sie sich für den Beruf als Obstfachmann/Obstfachfrau entscheiden. 

Eines der Hauptziele in nächster Zeit wird sicher sein, dass wir die Abstimmungen über die beiden extremen Agrarinitiativen  für uns gewinnen können. Da braucht es im Abstimmungskampf noch viel Überzeugungsarbeit und auch Ressourcen.

Weiter möchte ich erreichen, dass wir die bewährte Regelung betreffend Grenzschutz erhalten können. 

Zudem ist mir auch wichtig, dass wir trotz aller Diskussionen rund um Pflanzenschutz und AP22+ kein neues, starres Regelwerk schaffen, das eine gute Suisse Garantie Produktion verunmöglicht. Wir werden auch in Zukunft Pflanzenschutzmittel brauchen, auch im Bioanbau. Dabei spielt auch die Forschung eine wichtige Rolle. 

Wir sprachen mehrheitlich von Herausforderungen. Worin siehst du Chancen?

Ganz klar bei unseren tollen und gesunden Produkten. Die momentane Situation rund um den Corona-Virus ist selbstredend. Der Konsument lechzt ja förmlich nach gesunden und frischen Produkten. Die Regionalität und die hohe Qualität unserer Früchte sind weitere positive Faktoren, die in der aktuellen Diskussion immer zentraler werden. 

War es nie ein Thema für dich, in die Politik einzusteigen?

Dadurch dass mein Vater und Grossvater in der Politik waren, fand ich, dass etwas Abstand guttäte und so habe ich mich bewusst nicht für die Politik entschieden. Ich bin und war aber in verschiedenen anderen Organisationen tätig. 

Kannst du einige davon nennen?

Seit Jahren arbeite ich in landwirtschaftlichen und regionalen Organisationen wie im Thurgauer Obstverband, in der landwirtschaftlichen Berufsbildungskommission des Kantons Thurgau, in der kantonalen Prüfungskommission Gewerbe, Industrie, Gesundheit und Soziales, als Richter in der kantonalen Steuerrekurskommission und zudem in verschiedenen Kommissionen des Schweizer Obstverbandes. Seit 2012 bin ich im SOV-Vorstand als Vize-Präsident. Ich bin Präsident von der Landi Oberthurgau und im Verwaltungsrat der Laweba Genossenschaft in St. Gallen und ich engagierte mich aktiv in Schulbehörden und im Verwaltungsrat der lokalen Raiffeisenbank. 

Du hast sehr viele Tätigkeiten nebst deinem Betrieb. Wie bringst du das alles unter einen Hut?

Ich habe mir aufgrund des Präsidiums Freiräume geschaffen, indem ich verschiedene Ämter abgegeben habe. Betrieblich werde ich gewisse Anpassungen vornehmen. Im Mai kommt mein Sohn aus Neuseeland zurück. Die Entscheidung, ob er bereits bei uns einsteigt oder ob er noch weitere Erfahrungen auf anderen Betrieben machen will, überlasse ich ihm. Ich finde es wichtig, dass er diese Wanderjahre machen kann. 

Du sprichst die Wanderjahre an. Wo hast du diese verbracht?

Nach meiner landwirtschaftlichen Ausbildung war ich für ein halbes Jahr auf einem Gemüsebaubetrieb in Lausanne. Des Weiteren arbeitete ich ein Jahr auf einem Obstbaubetrieb in Holland. 

Als Verbandspräsident des SOV vertrittst du die Interessen der gesamten Schweiz. Du warst in der Westschweiz. Wie sind deine Beziehungen zu dieser Region?

An meine Zeit in der Westschweiz erinnere ich mich sehr gerne. Heute würde ich sogar noch länger bleiben. Mein Verständnis für die Region und die Sprache wurden gefördert. Ich kehre immer wieder gerne dorthin zurück. Dank meiner Aktivitäten beim SOV und im Speziellen im Vorstand habe ich gute Beziehungen zur Westschweiz. 

Ein kurzes Schlussvotum für unsere Mitglieder?

Ich freue mich auf die Aufgabe mit meinem neuen Vorstandsteam, die zukünftigen Aufgaben lösungsorientiert anzupacken und den Obstverband weiterzuentwickeln. Es wird keine One-Man-Show Jürg Hess geben. 

Kurz und bündig:

Verheiratet mit Corina, Vater von drei erwachsenen Kindern. 

Hobbies: Beruf, Turnverein, Skifahren

Lieblingsfrucht: Apfel, 1 – 3 pro Tag

Lebensmotto: Die Augen sind vorne im Kopf, man soll nach vorne schauen, nicht immer rückwärts. 

Jürg Hess bewirtschaftet zusammen mit der Familie, einem bis zwei Lehrlingen, 2 ausländischen Teilzeitmitarbeitern und einigen Erntehelfern einen gemischten Landwirtschaftsbetrieb in Roggwil TG. Er ist Vater von drei erwachsenen Kindern. Zum 40 Hektarenbetrieb gehören Milchwirtschaft, Ackerbau und Obstbau. Der Obstbau macht mit insgesamt 14 Hektaren Kernobst den bedeutendsten Teil aus. 


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